Meine 6-monatige Vorbereitung für einen Kickboxkampf
Die Vorbereitung auf meinen Kickboxkampf im Ring für März 2023 war für mich eine tiefgreifende Erfahrung, die weit über eine rein technische Anpassung hinausging. Obwohl ich bereits als teilweise erfahrener 2. Danträger im Shotokan Karate auf ein solides Fundament zurückgreifen konnte, wurde mir im Training mit meinem Trainer und Sensei Matthias Hohn vom Shojikido Karate des SV Brake schnell klar, dass dieses Fundament überprüft, erweitert und an vielen Stellen auch bewusst erschüttert werden musste. Genau darin lag die Qualität dieser Vorbereitung.
Ein zentraler Bestandteil des Trainings waren Methoden aus dem Vollkontaktkarate. Durch gezielte Abhärtungsdrills, intensive Lowkick-Serien und körpernahe Boxübungen wurde der Körper systematisch auf die Realität eines Ringkampfes vorbereitet. Distanzdrills spielten dabei eine besondere Rolle: Nicht nur das Erkennen der richtigen Reichweite, sondern auch das bewusste Halten und Durchbrechen der Distanz wurde immer wieder trainiert. Dabei ging es weniger um spektakuläre Techniken als um Kontrolle, Timing und Präsenz.
Parallel dazu wurde viel Wert auf mentales Training gelegt. Eine der wichtigsten Erkenntnisse war die unumstößliche Realität des Rings: Man kann nicht fliehen. Diese mentale Klarheit wurde immer wieder thematisiert und im Training erlebbar gemacht. Unterstützt wurde dies durch gezielte Atemtechniken wie die 4/7/8-Atmung und das Box Breathing. Sie halfen dabei, das Nervensystem zu regulieren, auch unter Druck ruhig zu bleiben und selbst in intensiven Belastungsphasen handlungsfähig zu bleiben. Die Fähigkeit, sich bewusst zu beruhigen, erwies sich als ebenso wichtig wie jede technische Fertigkeit.
Im letzten Drittel der Vorbereitung verlagerte sich der Fokus deutlich auf Sparring. Zehn Runden à zwei oder drei Minuten mit kurzen Pausenzeiten von nur 40 bis 60 Sekunden, dazu ständig wechselnde Sparringspartner, sorgten für eine realistische Kampfdynamik. Ermüdung, Anpassungsfähigkeit und mentale Standfestigkeit wurden hier unweigerlich geschult. Ergänzend dazu lief kontinuierlich ein regelmäßiges Kraft-Ausdauer-Stationstraining, das den körperlichen Rahmen für diese Belastungen schuf.
Innerhalb dieses Trainings wurden klare Regeln verankert, die sich wie ein roter Faden durch Sparring und Drills zogen. Angriffe zum Kopf (Jodan) mussten konsequent mit Kombinationen zum Körper (Chudan) beendet werden – und umgekehrt. Ziel war es, die Deckung und
Aufmerksamkeit des Gegners systematisch zu verlagern. Nach jedem eigenen Tritt sollte unmittelbar ein Schlag folgen, idealerweise ein Jab, um schnelle Konter zu unterbinden. Besonders betont wurde das häufigere Treten mit dem vorderen Bein, um schneller, direkter und unvorhersehbarer zu agieren. Einzeltechniken wurden bewusst vermieden: Tritte sollten vorbereitet werden – durch Schlagkombinationen oder Finten.
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Atmung. Die gezielte nasale Atmung sowie das Ausführen mehrerer Schlagkombinationen mit einem einzigen, kraftvollen Ausatmen waren fester Bestandteil des Trainings. Dabei wurde immer wieder deutlich: Schnelligkeit ist eng mit der Atmung verknüpft – oft ist man nur so schnell, wie man atmet.
Auch die Beinarbeit und Grundhaltung mussten angepasst werden. Im Gegensatz zum Sportkarate wurde das starke Bouncen bewusst reduziert. Stattdessen wurde eine locker gebeugte, erdige Haltung mit mehr Bodenkontakt trainiert, bei der man sich weiterhin überwiegend über den Vorfuß bewegt, jedoch stabiler und kontrollierter steht.
Eine der größten Umstellungen betraf die Deckung. Die Angewohnheit aus dem Shotokan Karate, beim Hikite die Deckung fallen zu lassen, musste konsequent abtrainiert werden. Verschiedene Deckungsformen wurden intensiv geübt, zunächst vor allem der Conventional Guard und der High beziehungsweise Double Guard. Ergänzend kamen Varianten des Cross Arm Guards hinzu, inspiriert unter anderem von George Foreman. Dabei lag der Fokus auf sauberem Parieren, bei dem die gegnerische Faust gezielt gegen den eigenen Ellbogen geleitet wurde. Fehler wurden nicht theoretisch erklärt, sondern unmittelbar spürbar gemacht – ein äußerst effektiver Lernprozess.
Ebenso herausfordernd war das Training von Tempowechseln sowie der bewusste Wechsel zwischen harten und lockeren Schlägen. Diese Fähigkeit, Rhythmus zu brechen und unberechenbar zu bleiben, stellte sich als grundlegender, aber anspruchsvoller Bestandteil des Regimes heraus. Ergänzt wurde das Ganze durch abwechslungsreiche Einheiten aus traditioneller Abhärtung, Kyokushinkai-inspirierten Lowkick- und Kombodrills sowie die Arbeit mit Therabändern und Gewichtswesten, die gezielt Kraft, Stabilität und Explosivität aufbauten.
Zum Abschluss kamen kognitive Elemente hinzu. Während des Sparrings oder in Boxing Drills musste ich rückwärts zählen, Fragen beantworten oder Kopfrechnen durchführen. Diese Kombination aus körperlicher Belastung und mentaler Herausforderung zwang dazu, auch unter Stress klar zu bleiben und Entscheidungen zu treffen – eine Fähigkeit, die im Ring entscheidend ist.
Rückblickend hat mich dieses komplexe, durchdachte Training und die Erfahrung im Ring zu einem deutlich besseren Kämpfer gemacht. Noch wichtiger ist jedoch, dass ich weiterhin lerne. Viele falsche Sicherheiten aus dem Shotokan Karate wurden zerschmettert, gleichzeitig wurden neue Konzepte aus anderen Kampfkunstbereichen integriert. Die bewusste Nutzung der Explosivität des Shotokan Karate, eingebettet in ein realistisches, ganzheitliches Kampfsystem, prägt das Karate von Sensei Matthias – und inzwischen auch mein eigenes.
So vereine ich nun die Grundlagen, Flexibilität und die Weisheiten von Sensei Thomas mit der realistischen Perspektive und den genialen Konzepten von Sensei Matthias. So sagten auch einst Bruce Lee und sein Schüler Dan Inosanto: „Absorb what is useful. Discard what is not. Add what is uniquely your own.“ […] & „Be water my friend.“
Ich verbeuge mich in tiefster Dankbarkeit vor meinen Trainern. Dies war erst der erste Schritt auf dem Weg zu einem fortgeschrittenen Kampfkünstler. Die Reise und das Lernen gehen weiter
So gebe ich auch dieses Wissen weiter und möchte an dieser Stelle meinen sehr disziplinierten und engagierten Schüler Jonas Wälz loben. Auch er hat sich 2025 einer brutalen Trainingsvorbereitung von Sensei Matthias und mir gestellt und konnte seinen Kampfgeist im Ring im September 2025 unter Beweis stellen. Den Kampf hat er nur knapp nach Punkten verloren, aber dabei sehr viele Erfahrungen dazu gewonnen. Weiter so. Osu!
Karate wa yu no gotoshi taezu netsudo wo ataezareba moto no mizu ni kaeru. 空手は湯の如く絶えず熱を与えざれば元の水に返る。
à Wahres Karate ist wie heißes Wasser, das abkühlt, wenn du es nicht ständig erwärmst.
ありがとうございます („Arigatou gozaimasu“)
Joshua Block


